Das Restaurant Commerce macht ein Stück Berner Kulturgeschichte greifbar:
Berns glänzendste Epoche als Kunststadt, die fünfziger bis weit in die achtziger Jahre. Es war der Dreh- und Angelpunkt einer Szene, in der eine kunterbunte Schar lokaler Kulturschaffender mit Künstlern von Weltrang zusammentrafen. Aber das Commerce ist noch mehr.
Es blieb, unter wechselnder Leitung äusserlich praktisch unverändert, bis heute auch ein Ort, der den Gegensatz von Bohème, Bourgeois und Handwerker aufhob – und versinnbildlicht so ein schönes Stück Altstadtgeschichte. Wo am einen Tisch Meret Oppenheim ihre Getreuen um sich scharte und daneben ein Bundesrat Gnägi tafelte. Wo gelegentlich auch ein Louis Armstrong, ein Ionesco, ein Beckett, ein Giacometti gesichtet wurden, und wo Ursula Andress ihren Belmondo hinführte, während Gipser Gygi und Malermeister Kohlund ungerührt ihre Moules oder ihr Kotelett verspeisten. Wo Kunsthalledirektor Rüdlinger sein Büro und die Cavisten ihren Stamm hatten, wo Dieter Roth seine ersten Bücher verkaufte, wo der legendäre Kellner Gabriele mit herbem spanischem Charme die Dekolletés inspizierte. Wo man sich heute noch an Figuren wie den Antiquar Alder und den Philosophen Jean Gebser erinnert, als hätten ihre Stimmen und ihr Gelächter erst gestern die rauchige Luft erfüllt. Denn das Commerce, das ist in erster Linie ein Stimmengewirr, ein Charivari, ein “Polylog”, wie Gerhard Lischka das nennt oder, wie wir auf Berndeutsch eher sagen würden, “es Gschnuur”.
Aus dieser endlosen Diskussion löst das Buch einzelne Stimmen heraus, um zu zeigen, mit welcher Selbstverständlichkeit die kleine Stadt Bern damals wie heute ihre Rolle als heimliche Kunstmetropole spielt, ohne sich deswegen selbst zu verleugnen.
Der unwehmütige Streifzug fört einerseits bis in die Gegenwart – zumal nun das neue Wirtepaar Pacheco die Beiz zu neuer Blüte führt -, anderseits auf einigen Exkursionen auch weg von den alten Holzbänken: an die legendären Feste im Hause von Ida Chagall und Franz Meyer, nach Bad Bonn oder an das Künstlerfussballspiel Bern-Deutschland, bei dem sich anno 1981 Immendorff, Penck und Lätertz 5:0 geschlagen geben muss. Viele Abbildungen illustrieren die Commerce-Saga. Die Photographen Annette Boutellier und Adrian Scheidegger halten das Commerce, wie es heute ist, im Bild fest.